Kurzgeschichten

Short Stories und Kurzprosa, älteres und bald neueres, bunt gemischt

Trennlinien

Kurt stand vor der türkischen Teestube und betrachtete die Plakate im Schaufenster. Wie schlecht man doch seine Umgebung kennt, dachte er bei sich. Da war von Veranstaltungen die Rede, von denen er noch nie gehört hatte, und von Orten, die er noch nie besucht hatte. Dabei fanden sie ganz in der Nähe statt, ja teilweise in der nächsten Straße. Auch in der Teestube war er nie gewesen, dabei war sie nur zwei Häuser von seiner Wohnung entfernt. Oft hatte er schon vor diesem Schaufenster gestanden, doch nie hatte er sich getraut, hineinzugehen. Irgendetwas hielt ihn zurück. Dabei würde er jetzt gerne etwas Warmes trinken. Einen Kaffee vielleicht, wenn es den neben dem Tee auch gab. Mit Tee konnte Kurt nämlich nichts anfangen.

Irgendwie, fand er, war das schon eine komische Situation, denn wahrscheinlich lebten die meisten türkischen Bewohner seines Stadtteils länger hier als er, der erst vor einem Jahr in diese Stadt gezogen war. Er als Fremder traute sich nicht, mit den anderen Fremden zu reden. Fremde leben voneinander getrennt, Einheimische leben von allen Fremden getrennt – und wer lebte zusammen?

Er stand da, las und fror. Kalt war es geworden, doch er wollte nicht allein zu Hause sitzen. Reden wollte er, und nur zu gerne würde er die Geschichten der Menschen hören, wo sie herkamen, wen sie in der Heimat zurückliessen und was sie hier in Deutschland hielt. Doch er konnte sich nicht überwinden, seine Beine wollten sich nicht bewegen. Dann öffnete sich die Tür. Der Wirt kam heraus und sah ihn an. „Ist alles in Ordnung? Sie sehen ja so durchgefroren aus. Wollen sie nicht hereinkommen und einen heißen Tee trinken?“ Kurt überlegte kurz um dann zu antworten: “Gerne. Aber haben Sie vielleicht auch Kaffee?“ Der Wirt lächelte und winkte ihn herein.

 

Lachen

„Doitschland ervache!“ stand auf der Mauer gegenüber geschrieben, ein schwarzer Schriftzug auf beigem Untergrund. Jeden Morgen das gleiche Bild, wenn er um 6 Uhr auf die Straße trat. Zumindest seit 6 Jahren. So alt war die Schrift, und solange war das Haus gegenüber nicht mehr gestrichen worden. Nichts unübliches also für ein Wohnhaus in Kiel-Gaarden, es wohnten wahrscheinlich eh’ nur Türken, Alkoholiker oder Studenten drin’. Für einen bürgerlichen Hausbesitzer bestand folglich kein Grund, ein solches Klientel mit gut erhaltenem Wohnraum zu versorgen. Die Miete wurde ja so oder so gezahlt – oder eben nicht.

Wie immer ging er auch an diesem Morgen hinunter zur Bushaltestelle, wo er den heute beinahe pünktlichen Bus in Richtung Westufer nahm. Alles schien in Ordnung zu sein, doch irgendwas fehlte. Nach kurzem Grübeln fiel ihm schließlich auf, dass die Blondine, die ihm sonst ständig schöne Augen machte, die er aber nie anzusprechen gewagt hatte, heute nicht im Bus saß. Dies machte ihn stutzig, denn er war bereits beim Aufstehen ausgerutscht und hatte sich den Knöchel leicht verletzt. Es sollte offensichtlich nicht sein Tag werden. Doch diesen Gedanken verdrängte er zu seinem großen Nachteil gleich wieder und stierte so vor sich hin, bis er an seiner Arbeitsstätte angekommen war und ausstieg.

Nach der Arbeit wollte er an diesem Nachmittag einige Kleinigkeiten in der Stadt besorgen, die er dann seiner Familie schicken wollte. Er sah sie nur selten und freute sich schon auf den nächsten Besuch bei ihnen. Nachdem seine Frau vor drei Jahren gestorben war, hatte er seine Kinder bei seiner Mutter gelassen, die sich seitdem um sie kümmerte. Heute Abend wollte er mit einigen seiner Kumpels ins Kino gehen. Aber dazu würde es nie kommen, das wusste er nur noch nicht.

Als er am Abend früher nach Hause kam, hatte das einen besonderen Grund: In seinem Betrieb war Kurzarbeit angesagt. Er hatte sich auch gleich gedacht, dass er einer der ersten sein würde, die reduzieren mussten. Auf der Rückfahrt aus dem Busfenster hinausgeschaut, in einen grauen Himmel, der von der untergehenden Sonne im Westen feuerrot eingefärbt wurde. Er nahm das gar nicht so richtig wahr, war mehr mit der eigenen Seelenverfassung beschäftigt.

Irgendwann war er endlich vor seiner Haustür angelangt. Irgendwas schien sich hier verändert zu haben. Schnell stellte er fest, was anders war als sonst: Neben dem „Doitschland ervache!“ Schriftzug war nun ein zweiter zu sehen, der lautete: „Deutshland den Deutschen – Raus mit den Scheinasylanten!“. Nur wenig betroffen drehte er sich um und schloss die Haustür auf und ging die Treppen hoch in den dritten Stock. Nachdem er die Wohnung betreten hatte, stellte er den Fernseher an und holte sich zur Trauer des Tages die neue Flache Wodka aus dem Kühlschrank. Keine sehr originelle, aber wirkungsvolle Art, mit seinem Frust umzugehen.

Als er an seinen Platz vor dem Fernseher zurückgekehrt war, ging das sogenannte Vorabendprogramm gerade auf sein Ende zu. Wieso man diesen Mist, den sie dort sendeten, überhaupt noch als „Programm“ bezeichnen durfte, wußte er nicht so genau. Im Moment war es ihm eigentlich auch relativ egal. Irgendwann jedenfalls wurde eine dieser miserablen Seifenopern von einem Werbeblock abgelöst, wobei die dort zur Schau getragenen Werbestrategien ihn so auf Anhieb von keinem der Produkte zu überzeugen wußte. Ihm fehlte eigentlich noch immer ein Produkt, das die gewissen Tage des Mannes erleichtern solle. Das wäre dann der Gipfel der Absurdität gewesen. Aber leider war es noch nicht so weit, und er wendete sich wieder einem gummibärchenverzehrenden Gottschalk zu.

Dann, endlich, Nachrichten, Tagesschau genauer gesagt. Die erste Meldung führte gleich zu einer Live-Schaltung an den Ort des Geschehens. Ein hektischer Reporter versuchte vor der Kamera, das Unfassbare, das sich dort zutrug, in nichts sagende Worte zu kleiden. Die Bilder und die dazugehörende Geräuschkulisse machten ihn wütend. Wütend und traurig zugleich. Während seine Hand sich zu einer Faust zusammenkrampfte, rollte eine Träne seine Wange hinunter. Er war sprachlos vor Verzweiflung.

Doch da, er hatte etwas wahrgenommen, das ihn stutzen ließ. Er rutschte in seinem Sessel näher an den Fernseher heran, um sich die Bilder noch einmal genauer anzusehen. Da war es. Tatsächlich! Er hatte sich nicht geirrt. Seine Anspannung löste sich etwas. Schließlich, als er die Tragweite seiner Entdeckung realisiert hatte, fiel er in brüllendes Gelächter, minutenlang. Als er einigermaßen wieder zu sich gekommen war, verließ er die Wohnung, um sich in diversen Kneipen den einen oder anderen Kurzen zu genehmigen. Er kam zwar kaum zum Trinken, da er jedes mal, wenn die Fernsehbilder vor seinem geistigen Auge auftauchten, erneut einen Lachanfall bekam. Dennoch verbrachte er die ganze Nacht auf diese Weise.

So brach der nächste Tag an. Ein herrlicher Sonnenaufgang über der Förde schien die Welt und vor allem die Ereignisse des gestrigen Abends verspotten zu wollen. Immer noch grinsend, mit traurigen Tränen in den Augen, kehrte er nun konsequenterweise dieser Stadt und diesem Land an diesem Morgen den Rücken zu. Er hatte nur eine kleine Tasche gepackt und dem Nachbarn eine Nachricht unter der Tür durchgeschoben. Nun saß er in der Bahn, auf dem Weg zu seinen Kindern, und ließ den gestrigen Abend noch einmal Revue passieren:

In den Nachrichten gestern Abend war eine Horde von alkoholisierten Skinheads gezeigt worden, die gerade dabei war, ein hauptsächlich von osteuropäischen Asylbewerbern bewohntes Heim mit Molotowcocktails in Brand zu stecken. Die deutschen Anwohner hatten die ganze Zeit über geklatscht und die Skins unterstützt. Und im Laufe der Übertragung hatte er festgestellt, dass sich auch die Blonde aus dem Bus unter die Brandstifter gemischt hatte, die blonde, blauäugige Frau, die jeden Morgen aufs neue mit ihm geflirtet hatte, mit ihm, einem Polen. Er lachte. Ein resigniertes Lachen.

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