Zuginspiration

Ich lief in zwei schwer bewaffnete Soldaten, dabei wollte ich doch nur ein Souvenir in einem Kaufhaus besorgen. Ich schlüpfte durch sie hindurch, und schlagartig war mir bewußt, wie es in diesem Land mehr als 20 Jahre lang ausgesehen hatte. Nordirland 1996, Schützenpanzer fahren durch die Straßen, Hubschrauber kreisen in der Luft. Alles, nur keine beschauliche, deutsche Normalität. Eine lang verblaßte Erinnerung, hochgeschwemmt durch eines jenes anregenden Gespräche, das man wohl nur als Bahnpendler regelmäßig führen kann. Wie leicht wir doch vergessen, wie die Welt aussehen kann, wenn wir die falschen Leute „machen“ lassen, wenn wir uns mit Unrecht und Ungerechtigkeit als unvermeidlichem Übel abfinden.

Zu oft führt das Studium der Zeitung zu resignativem Kopfschütteln, zu selten sprechen wir mit anderen Menschen die sich einsetzen, sich engagieren, und so im kleinen wie im großen etwas zum positiven verändern. So wie mein Sitznachbar aus dem Zug, der gerade für ein Township-Projekt in Südafrika eine Photovoltaikanlage installiert. Freiwillig, ehrenamtlich. Dabei ist der reine Aufenthalt dort für ihn lebensgefährlich, Weiße sind in Townships nicht unbedingt gut gelitten. Es sind diese Geschichten, die Mut machen, die daran erinnern, was durch zupackende Hilfe erreicht werden kann – und wie viel sie einem selber gibt. Mit leuchtenden Augen erzählte mir mein Bahnbekannter von der Dankbarkeit, der Freude der Menschen über jeden kleinen Fortschritt.

Wird über solche Projekte einfach zu wenig berichtet? Warum lesen wir über all die Katastrophen, warum braucht es den „Worst Case“, damit über Helden berichtet werden kann? Wenn ich auf Nordirland blicke, nach Südafrika oder gar an den persischen Golf, dann sollten wir jeden Tag dankbar dafür sein, in einem befriedeten Europa zu leben. Wie mutig war die Politikergeneration nach dem Krieg, die Aussöhnung lebte und ermöglichte, die Armut bekämpfte, den europäischen Sozialstaat neu aufbaute. Es sind diese Momente, in denen ich mich frage, ob ich genug für dieses Europa streite, die Rede zu oft denjenigen überlasse, die Solidarität durch Egoismus und Nationalismus ablösen wollen. In Deutschland galt ja lange die Maxime vom nie wieder, nie wieder Ausschwitz, nie wieder Nationalsozialismus. Sollten wir uns nicht dazu durchringen zu einem nie wieder Entsolidarisierung, nie wieder den Schwächeren allein lassen, nie mehr wegsehen? Ich bin jedenfalls nicht mehr bereit, populistischen Regierungschefs beim Zerlegen Europas zuzusehen; nicht mehr bereit, Banken, Hedgefonds und Ratingagenturen ganze Gesellschaften in den Abgrund reißen zu lassen; nicht mehr bereit, den Medien bei quotenmachender Stimmungsmache zuzusehen.

Zu gern erinnere ich mich an all die Projekte, bei denen ich selbst aktiv war, schätze ich die Arbeit meines Sitznachbarn. Die wirklich positiven Dinge, die wichtigen Projekte müssen wir wohl selbst verbreiten. Sie selbst angehen. Engagement ist keine Bürde, es ist ein Grundpfeiler unserer Demokratie. Wutbürger fühlen sich als Objekte, sie müssen wieder zu handelnden Subjekten werden. In Verbänden, Projekten, Initiativen oder – was ganz Verrücktes: in Parteien.

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