Nackter Hass: Was Wulff mit Hartz IV zu tun hat

Die ohrenbetäubende Vuvuzela-Begleitung des großen Zapfenstreichs mag ein wenig verwundert haben, überraschend kam sie nicht. Man empfindet vielleicht Unbehagen angesichts des Hasses, sie sich nun entlädt. So wundert sich Susanne Gaschke in der „ZEIT“ unter der Überschrift „Hässlicher Hass“ über das Ausmaß der Bürgerwut, die sich nicht nur der gegen die Person Christian Wulff richtet, sondern letztlich das Amt und die Demokratie trifft. Doch ist das nicht die logische Konsequenz einer langen Entwicklung?
In einem Land, in dem man auch nach langjähriger Berufstätigkeit Angst davor haben muss, nach einem Jahr der Arbeitslosigkeit Hartz IV beantragen zu müssen – mit allen Konsequenzen: Verlust der Ersparnisse, komplette Offenlegung der Lebensverhältnisse, Verarmung, soziale Isolation. In einem Land, in dem Unternehmen MitarbeiterInnen wegen des Verzehrs einer Frikadelle entlassen und sich gleichzeitig Manager Boni dafür auszahlen, besonders viele Mitarbeiter entlassen zu haben. In diesem Land, in dem die Boulevardpresse eine Neidkampagne nach der anderen bringt, und entrüstet über Arbeitslose und Ausländer berichtet, da musste sich die Stimmung zwangsläufig gegen die Repräsentanten des Staates richten. Das Gerechtigkeitsgefühl der Menschen ist völlig aus der Balance geraten, und der Fall Christian Wulff macht nur das völlige Versagen der politischen wie wirtschaftlichen Elite deutlich: Wenn die Bürger das Gefühl haben, der Staat gönne Ihnen nicht mal mehr das Schwarze unter den Nägeln, dann kann man auch kein Verständnis aufbringen für einen Bundespräsidenten, der trotz Fehlleistungen auch nach dem Rücktritt noch auf allen Vorzügen seines Amtes beharrt. In den Protesten entlädt sich die Angst, Wut und Ohnmacht von Menschen, die sich drangsaliert , entmachtet und gedemütigt fühlen. Die wirtschaftlichen Eliten dieses Landes mögen weniger in der Öffentlichkeit stehen, doch der Proteststurm richtet sich auch gegen sie, gegen ein System, in dem den Protagonisten das Gefühl für Anstand und Gerechtigkeit verloren gegangen ist, in dem sich die Reichen und Mächtigen wie in einem Selbstbedienungsladen benehmen, den sie auf Kosten des Souveräns ausplündern. Wo der Egoismus zur gesellschaftlichen Handlungsmaxime erhoben wird, dort kann es keine Gnade geben. Auch nicht für Bundespräsidenten. Wer Hass sät, wird Sturm ernten. Er war laut zu hören, der Sturm. Gestern.

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