Trauer – Wut – Entschlossenheit

Es ist Freitag, es regnet. Als wollte das Wetter den Alltag einfordern, als solle der Regen wieder seinen Platz einnehmen im Leben der Brüsseler. Gestern Abend endete die offizielle Staatstrauer, und hinterlässt eine veraänderte Gefühlslage. Der emotionale Schleier lichtet sich, und die Tränen fließen nicht mehr. An den ersten beiden Tagen brachen sie sich öfters Bahn, vor Trauer, wenn man an die Opfer dachte, vor Freude, wenn man Freunde und Bekannte in Sicherheit wusste, und vor Stolz, wenn man die Stadt vereint sah, an der Börse, am Schuman, wo auch immer man hinsah.

Es waren emotionale Achterbahnfahrten, und man fühlt sich in der Folge wahnsinnig müde und erschöpft. In der einen Sekunde führt man ein nettes Gespräch, verarbeitet die Ereignisse, in der nächsten erfährt man von einem Freund, dass er oder sie nur knapp dem Anschlag in Maelbeek entkommen sind. Das Grauen weicht dann der Entschlossenheit, und viele teilen meine Einschätzung, sich nach den Anschlägen weniger verängstigt zu fühlen als im November, als über der Stadt diese abstrakte Terrorangst lag, als der „Lockdown“ die Stadt komplett lahmlegte. Mit dem konkreten Horror der Anschläge kann man leichter umgehen, die eigenen Ängste lassen sich benennen und konfrontieren. Und dann hilft die Wut.

Die Wut auf die Attentäter, die sinnlos Leben zerstört haben. Die Wut, dass es „meine“ Metro getroffen hat, dass „meine“ Freunde in Gefahr waren, dass der Anschlag mich selbst gefährdet hat. Die Wut auf Politiker und Journalisten, die die Attentate, die Opfer für ihre Agenda missbrauchen. Die den Menschen weder Raum noch Zeit lassen, um zu trauern, den Schock und den Verlust zu verarbeiten. Am Mittwoch und Donnerstag habe ich mich beim Verfolgen der deutschen und englischsprachigen Nachrichten benutzt, ja missbraucht gefühlt. Dreckig. Diese Angstmacherei, diese Hetze, aus purer Ignoranz und Unkenntnis der Verhältnisse, der Stadt. Die Verwechslung von Maelbeek und Moelenbeek. Momente, in denen man schreien möchte „Haltet die Klappe!“. Die Respektlosigkeit von Figuren wie Trump, von Storch, Lengsfeld, dann die hysterischen Kommentare von Journalisten sowie die ewig gleichen Forderungen und Parolen der Innenpolitiker.

Bei all dieser Wut auf die Berichterstattung von außen: Der Nachrichtenticker auf LeSoir war und ist vorbildlich, hat aufgeklärt und viele Gerüchte und Falschmeldungen abgefangen. Allgemein haben sich die belgischen Medien als verantwortungsbewusst und respektvoll erwiesen. Die Menschen, die Stadt haben sehr solidarisch und sehr geschlossen reagiert. Und dann sind da die Mitarbeiter der STIB (Brüsseler Nahverkehrsbetriebe), der Feuerwehr, der Polizei, die Ärzte, Sanitäter und auch die Soldaten, die außerordentliches geleistet haben, die die Verletzten versorgt haben und in der Krise kühlen Kopf bewahrt haben – und den Attentätern keinen Millimeter nachgeben wollen. Wie der Fahrer der Metro, in dessen Zug die Bombe explodiert ist, der unverletzt blieb und sich sofort um die Evakuierung und Versorgung der Verletzten kümmerte – und am Mittwoch wieder zur Arbeit erschien. Wie seine Kollegen, die schnell zur Stelle waren. Wie die Menschen, die in den umliegenden Bürogebäuden bei der Erstversorgung Verletzter halfen. Oder wie eine Überlebende des Metro-Attentats, die das Grauen in einem Artikel beschrieb, das Blut fremder Menschen auf ihrer Kleidung, den Schock und die Traumatisierung – und die sich dagegen wehrt, dass sie, dass die Opfer, dass Brüssel für rassistische Propaganda, für Panikmache, für Kriegsrhetorik missbraucht wird.

Nun sind die Brüsseler nicht naiv, und Solidarität und Nächstenliebe werden das Problem radikalisierter und entwurzelter Fanatiker nicht lösen. Und langsam beginnt die Debatte über Konsequenzen, und ja, natürlich muss die Arbeit der belgischen Sicherheitsbehörden verbessert werden, muss das Versagen Konsequenzen haben – aber das allein kann nicht alle Anschlagspläne zu Nichte machen. Mich beruhigt, dass wir bereits über Konsequenzen für die Sozialarbeit diskutieren, über verbesserte Perspektiven gerade für jüngere Menschen. Aber es geht auch darum, aufmerksamer zu sein. Als ich am Mittwoch an der Börse war, habe ich mich insbesondere über die rege Anteilnahme und Präsenz gerade von muslimischen Bürgern Brüssels gefreut, über die Solidarität, den Schulterschluss. Andererseits, und da ist der erste Ansatzpunkt, sah man in einem Mitschnitt des belgischen Fernsehens, wie eine Muslimin mittleren Alters die Flagge Israels aus dem Trauerteppich entfernte und zerriss, und anschließend die Flagge ihres Herkunftslandes an sich nahm. Diese Respektlosigkeit gegenüber den Toten, gegenüber den trauernden Menschen macht mich wütend. Hier muss jeder einzelne, und müssen sicher vor allem diejenigen Muslime einschreiten, die dort gemeinsam trauern und Trost spenden wollten. Diese Form von Hass und Rassismus darf in Brüssel keinen Raum mehr haben, sonst werden wir die Gewalt nicht stoppen. Diese Stadt ist zu offen, zu multikulturell, zu verschieden, dieses Verhalten darf an keiner Stelle toleriert werden – es gefährdet das Zusammenleben. Das ist nach dem 22.März klarer als zuvor, und es gilt für Antisemitismus genauso wie für islamophobe Hasstiraden. Dafür darf in Brüssel kein Platz mehr sein – und dafür kann jeder Einzelne in seinem Umfeld etwas tun. Der nächste Zeitpunkt, dies deutlich zu machen, ist der Trauermarsch am Sonntag, der sich „gegen Terrorismus, gegen die Angst“ wendet und für die Vielfalt eintritt. Ich werde berichten.

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