Der Fingerzeig – Hysterie jetzt!

Deutschland steht am Abgrund! Sie werden sich jetzt fragen, was habe ich verpasst – Energiewende gescheitert? Massenhafte Stromausfälle? Sitzen wir hier gleich im Dunkeln? – Oder doch der Zusammenbruch des Bankensystems? Nein, nein, es ist viel schlimmer: Auf dem Cover des Magazins der Süddeutschen Zeitung – das erscheint übrigens wöchentlich zusammen mit der namensgebenden Zeitung, für die verlängerte Wochenendlektüre – also auf dem heutigen Cover ist Peer Steinbrück zu sehen. Jetzt denken Sie bestimmt: Ja und? Der Steinbrück ist doch ständig irgendwo zu sehen. Das ist doch bis jetzt auch immer gut gegangen. Stimmt, aber es kommt ja noch viel schlimmer: Der Peer streckt dem Leser den Mittelfinger entgegen, naja, so schräg nach oben entgegen. Sie fragen wieso? Warum macht er sowas? Tja, er war da halt bei einem Photoshooting für eine Rubrik, in der Prominente gefragt werden und ihre Antwort als Geste in einem Bild festgehalten wird. Nennt sich „Ohne Worte“. Und da hat der Steinbrück auf die Frage „Pannen-Peer, Problem-Peer, Peerlusconi – um nette Spitznamen müssen Sie sich keine Sorgen machen, oder?“ einfach mal den Mittelfinger rausgestreckt. Basta!

Das ist nun für eine ganze Reihe selbsternannter Moralapostel gäntlich „ohne Worte“. Denn nun ist Holland, äh Deutschland natürlich in Not. Ist ja auch noch Wahlkampf. FDP-Politiker twittern, so was sei für einen Kanzlerkandidaten unwürdig, es twittert allgemein ganz viel zu @peersfinger, ausgerechnet die LINKE echauffiert sich, dabei dachte ich immer, das sind die letzten Vertreter des Proletariats, aber ich wusste schn immer, dass bei denen was nicht stimmt. Die Presse freut sich diebisch und schreibt eifrig Leitartikel, alle Laufen zur Hochform auf, bis sie das Ende der Erregtheitsskala erreichen, es geht ja schließlich um die Wurst in Fingergestalt! Peers Finger! Da geraten Nebensächlichkeiten wie Mindestlohn, Strompreise, PKW-Maut, Euro-Rettung oder Gesundheitspolitik sofort in den Hintergrund. Denn hier droht ja der Untergang des Abendlandes. Doppelmoral und Hysterie haben sich auch heute wieder bestens vereint und werden uns helfen, diese Staatskrise direkt vor der Bundestagswahl doch noch heil zu überstehen. Sie kratzen sich jetzt am Kopf und denken „Was soll das?“. Richtig: Nichts. Es ist eigentlich völlig belangloser Quatsch. Quatsch lässt sich aber in Deutschland bestens ausschlachten, der deutsche Biedermann wahrt ja lieber den Schein als der Wahrheit ins Gesicht zu sehen. Wer kurz vor einer Bundestagswahl Handhaltungen thematisiert, wenn zeitgleich Millionen Menschen in Jobs ausharren, die Ihnen nicht mal das Existenzminimum einbringen – der muss in einer Art Irrenhaus leben. Das war mir bei diesem Medienzirkus schon länger klar, dass es jetzt auch für das gesamte Land gelten soll, beunruhigt mich doch schon etwas. Was mich vor allem beunruhigt: An solchen Abenden beneide ich das italienische Irrenhaus – und das ist schon bedenklich – aber im Berlusconi gestählten Rom müsste sich doch eine größere Schlägerei im Parlament zutragen, um soviel Hysterie zu erzeugen – so ein Finger erregt da doch nicht mal den konservativsten Katholiken. Da müssten es schon mindestens fünf ausgeschlagene Zähne, drei blaue Augen und eine gebrochene Nase sein, bevor sich so ein italienischer Journalist überhaupt die Mühe macht, eine Randnotiz zu verfassen.

Also ich fasse zusammen: Sie haben nichts verpasst. Deutschland geht nicht unter, Peer Steinbrück hat noch alle Finger – alle Tassen meines Wissens auch, sogar im Schrank – und wir sind noch nicht mit Italien zu vergleichen. In diesem Falle leider. Gute Nacht.

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