Kaffee. Schwarz. Bitte!

Grau. Warum waren Bahnfahrten immer so grau. Der Himmel: grau. Die Gesichter der Mitreisenden: grau. Temperatur: kaltgrau. Stimmung: müdgrau. Stimme der Schaffnerin: gelangweiltgrau. Die durchfahrenen Bahnhöfe: schimmerndgrau. Noch zwei Stunden dieses grau. Schlafen ist wegen des Raps auf den mp3-Player Kopfhörern meines Nachbarn nicht möglich, also was tun?

Ich überlege kurz, kämpfe mich schließlich aus dem Sitz und mache mich auf den langen Weg zum Bistrowagen. Taumelnd bewege ich mich durch die Wagons, stütze mich auf den Kopflehnen ab, verliere das Gleichgewicht, wenn der Zug mal wieder schwankt wie ein Schiff auf hoher See. Endlich bin ich im Speiseabteil. Fünf genervte Bahnfahrer stehen an der Ausgabe Schlange. Die Abfertigung dauert lange, da die meisten die Frechheit haben, überteuerte Speisen oder Getränke zu bestellen, die leider schon aus sind – und sich daher ganz neu entscheiden müssen. Meistens nehmen die Leute dann irgendetwas und bezahlen einen Wucherpreis für ungewollte Nahrung, statt sich umzudrehen und mit leeren Händen an den Platz zurückzukehren.

Endlich bin ich an der Reihe. Einen Kaffee, schwarz, nein auch keinen Zucker. Die Bahnmitarbeiterin schaut mich etwas skeptisch an. Zur Sicherheit nehme ich mir noch ein Mineralwasser mit. Das ganze ist zusammen fast so teuer wie eine Packung Gourmet-Lachs, aber gut, ich habe ja keine Wahl. Nach heldenhafter Wanderung durch die schwankenden Wagons – ich habe es tatsächlich geschafft, den Kaffee nicht über eine Frau in Tigermuster-Aufmachung zu giessen – erreiche ich schließlich wieder meinen Platz. Ich richte mir alles so ein, dass ich gemütlich lesen und meinen Kaffee geniessen kann. Bis zum ersten Schluck. Mein Mund zieht sich zusammen, ich schaue ungläubig auf den Pappbecher, öffne den Deckel. Vorsichtig rieche ich an dem Gesöff, dass lediglich eine leicht bräunliche, dunkle Farbe mit dem gemein hat, was ich Kaffee nenne. Ich probiere einen zweiten Schluck, komme zum gleichen Ergebnis, stehe auf und entsorge den Kaffee in der Toilette.

Eine kleine Flasche Wasser später, fünf Seiten weiter und noch genervter komme ich am Zielbahnhof an. Wobei das nicht stimmt, der Bahnhof ist nicht mein Ziel, sondern das Gespräch zwei Stunden später. Ich fühle mich müde, abgespannt, will jetzt endlich etwas Ruhe und gehe daher zum nächsten Kaffeeladen. Ich schaue auf die Auslage, entscheide mich für einen Kuchen. Relativ zügig darf ich auch bestellen. Ich zeige auf den Kuchen, den ich bestelle, und natürlich möchte ich einen Kaffee dazu. Schwarz. Ohne Zucker. Diesmal ein leicht gelangweilter Blick von der Kassiererin. Welcher „Blend“ es denn sein solle? Ich sage, ich möchte einfach nur guten Kaffee. Die seien alle gut, ich müßte mich halt entscheiden, aber der Caramel-Macchiato, die Vanilla-Latte oder der White-Mocca seien eher zu empfehlen. Mir schwant wieder das Böse, ich nehme den am wenigsten „teuren Houseblend“. Der ist aus. Also „Columbian Dream“. Die Frau schaut mich noch skeptischer an, der hätte eine ziemlich eigene Note, man sollte ihn besser nicht schwarz trinken. Ich antworte, Kaffee, der schwarz und ohne Zucker nicht schmeckt, ist kein Kaffee. Ich bestelle den kleinsten möglichen Becher.

In der Tat, kein wirklich guter Kaffee, aber um Längen besser als dieser Pseudokaffee aus dem Zug. Wahrscheinlich war der Kaffee sogar ganz gut, aber die Kaffeemaschinen, die diese Franchise-Kaffeeläden nutzen, mögen ja für Espresso oder Cappuccino geeignet sein, für richtigen, frisch gemahlenen Filterkaffee reicht es halt nicht. Das galt auch für die Bahn, denn diese Automaten da waren ebenfalls total ungeeignet. Den besten Kaffee in einem Zug hatte ich mal bei einem Menschen erhalten, der finanziert durch die Arbeitsagentur als Frühstücksangebot frischen Kaffee und Brötchen im Zug verkaufte. Der hatte richtigen Kaffee dabei gehabt. Traurig. Früher gingen Läden pleite, wenn sie keinen vernünftigen Kaffee servierten. Heute ist es umgekehrt: Der Kaffee kann noch so gut sein, wenn man seinen Milchkaffee nicht „Café Latte“ nennt oder irgendwelche künstlichen Geschmacksaromen zufügt, dann kann man gleich dichtmachen.

Ich trinke nun also diesen nicht ganz so schlecht schmeckenden „Columbian Dream“ und versuche, mich auf meinen Termin vorzubereiten. Leider kaum möglich, da diese Kaffeemaschine beim Milchaufschäumen einen derartigen Krach macht, dass ich Angst habe, sie könnte mir gleich um die Ohren fliegen. Ich trinke dann also die Hälfte dieses Kaffees, gehe in mein Hotel und checke ein. Auf dem Zimmer angekommen bestelle ich mir einen Kaffee und eine Pizza, der Kuchen im Café war so trocken gewesen, dass ich nur zwei Bissen runterbekommen habe. 20 Minuten später klopft der Zimmerservice. Diesmal kann ich es schon gleich riechen: Richtiger Kaffee! und die Pizza ist auch nicht übel. Auf die Rechnung schaue ich erst später. Der Kaffee ist günstiger als in der Bahn. Ich bestelle noch einen, hole mein Buch raus, und geniesse die Stunde, die mir noch bleibt. Lesend und meinen Kaffee geniessend. Schwarz. Ohne Zucker. Einfach nur Kaffee.

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