Grauer Morgen

05:49 Uhr. Bahnhof Bruxelles-Midi. Menschen stehen Schlange und warten darauf, dass der „Panos“ öffnet. „Jeden verdammten Montag“, dachte er bei sich und stellte sich widerwillig an. Er war zu früh aufgebrochen, zu früh aufgewacht, hatte zu kurz und zu schlecht geschlafen. Jede Woche die gleiche Tortur. Das fatale an der Fahrt war dieser Elende Bahnhof. Das Warten, schlechter Kaffee und fahles Neonlicht. Tristesse in Grautönen. Viel schlechter konnte selbst ein Montag nicht beginnen.
Mittlerweile war er an der Reihe, bestellte sich die übliche „Formule Petit déjeuner“ und nahm seinen Kaffee entgegen. Brüssel zu verlassen war jedesmal eine Erleichterung. Genau erklären konnte er dieses Gefühl nicht, es war einfach erleichtert. Vielleicht war es die Enge der europäischen Community, vielleicht die unorganisierte Stadt. Er bahnte sich seinen Weg zum Bahnsteig und genoss die kühle Nachtluft. „Der süße Duft der Freiheit“ schoss es ihm durch den Kopf. Die ersten Mitreisenden fanden sich ein, darunter eine ziemlich depressiv wirkende junge Frau. Warum hatte er in diesem Land immer die Befürchtung, jemand könnte sich vor den fahrenden Zug werfen? Er schaute hinaus in die Dunkelheit, hinter der sich die häßliche, dreckige Umgebung des Bahnhofs verbarg. Kein Wunder, dass die EU bei den Menschen keinen gutem Ruf genoss, wenn einen die Hauptstadt Europas so begrüßte.
Das Frühstück fortsetzend behielt er die junge Frau im Auge. Noch war vom Zug nichts zusehen, er würde sich bei der Einfahrt in ihrer Nähe postieren. Nur zur Sicherheit. Dann konnte er wenigstens eingreifen, wenn sein Alptraum zur Realität werden sollte. Neben ihm auf der Bank saß ein Geschäftsreisender mit übermüdetem Gesicht. Wie ein Symbol für diese Stadt saß er da, hielt den Kaffeebecher mit beiden Händen, hängende Schultern, erschlaffter Blick in edlem Zwirn. Intakte Fassade, marode Substanz – so war Brüssel gebaut. Auf Ton.
Der Zug kam. Er stellte sich zu der jungen Frau und verwickelte sie in ein Gespräch über Zugreservierungen. Er mußte nicht weiter eingreifen, sie schien auch nur unter montäglicher Brüsseldepression zu Leiden, sonst war sie eigentlich ganz sympathisch. Er stieg ein und dachte, wie sehr Menschen doch selbst die schönsten Ideen in ein graues Etwas verwandeln können. Ihm war kalt.

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